Namen sind Schall und Rauch – das Dilemma des Duftvokabulars

27 Nov

Berichte aus der aromatherapeutischen Praxis unterstreichen immer wieder die außergewöhnlichen Wirkweisen ätherischer Öle auf  Körper, Geist und Seele des Menschen. Die Liste in der Aroma-Fachliteratur der positiven Wirkungen ist lang: harmonisierend, ausgleichend, angstlösend, stabilisierend, seelisch aufbauend, stimmungsaufhellend, entspannend, stresslösend, antidepressiv, ermutigend, modulierend und vieles mehr.

Hört sich gut an. Doch in der Anwendung treten nicht nur bei angehenden AromatherapeutInnen bezüglich der Auswahl ätherischer Öle häufig Unsicherheiten auf.

Das Problem ist nämlich, dass unser Vokabular für Düfte nur sehr begrenzt ist und sich die Begriffe in verschiedenen Duftprofilen ständig wiederholen. Diese Beschreibungen werden den differenzierten Wirkweisen, Eigenschaften und der Originalität der Düfte leider nicht gerecht.  Es ist ein Dilemma, denn der Geruchssinn braucht die Sprache nicht, um seine Botschaft zu übermitteln, sondern löst lieber Emotionen aus, die viel schneller ankommen als ein gedachtes Wort. Der sprachliche Ausdruck wird also immer dem Erlebten hinterherhinken müssen.

So findet man zum Beispiel zu dem Label „stimmungsaufhellend“ in der Fachliteratur eine Reihe von sehr unterschiedlichen Düften (auch bezüglich der Biochemie): Anissamen, Bergamotte, Cistrose, Elemi, Grapefruit, Ingwer, Jasmin, Kreuzkümmel, Limette, Lorbeer, Mandarine, Mimose, Myrte marokkanisch, Narde,  Nelkenknospe, Neroli, Orange, Osmanthus, Patchouli, Petit Grain, Pfeffer schwarz, Rose, Rosmarin verbenon, Thymian linalool, Tonka, Vetiver, Weißtanne, Ylang Ylang, Zeder, Zitrone.

Ist es also egal welches dieser ätherischen Öle ich nun benutze, ob Jasmin, Ingwer, Zeder, Orange oder Narde? Oder doch eher Grapefruit?

Es ist nicht egal. Vielmehr gilt es zu überlegen wie der Duft das Thema „Stimmung aufhellen“ repräsentiert.

Ist es der feurige energetische Aspekt des Ingwer, der frische reinigende Wirbelwind der Grapefruit, die Lebensfreude der Orange oder die gediegene Stille der Zeder, die meine Stimmung verbessert? Welches Bedürfnis besteht aktuell? Was könnte jetzt wohltun?

Hier geht es darum, mehr Details zu sammeln, exakter zu sein, einen spezifischen Eindruck des Duftes zu bekommen. Dort, wo die Sprache endet, gibt es noch andere Möglichkeiten Informationen zu sammeln.

Jeder Duft hat sein eigenes Gesicht
Die Lösung dieses Sachverhaltes liegt für mich in der nonverbalen Auseinandersetzung und in der subjektiven Erfahrung der Düfte. Auch wenn die Eindrücke manchmal nur schwer zu fassen sind und individuell unterschiedlich sind, zeigt sich hier ein Informationsreichtum, der uns ansonsten durch die Lappen gehen würde.
Deutlich erlebbar in der Dufterfahrung sind Körperempfindungen, innere Bilder, Gefühle und Handlungsimpulse, Lust oder Unlustempfinden, spontane Erinnerungen, Formen und Farben und archetypische Repräsentationen, die einem helfen können, einen Duft genauer wahrzunehmen – ihm ein Gesicht zu geben.
Das Paradoxe daran ist, dass gerade die subjektive Herangehensweise oft als unwissenschaftlich angesehen wird und deshalb für ungültig erklärt wird. Dabei liefert gerade die eher subjektiv geprägte nonverbale Auseinandersetzung zusätzliche Informationen, den Charakter eines Duftes genauer zu erfassen.
Wer  sich rein sprachlich-kognitiv mit Düften auseinandersetzen möchte, stößt genau da, wo einem die Worte fehlen an seine Grenzen. Ebenso schwer haben es diejenigen, die sich vor eigenen Dufterfahrungen scheuen und nur aus dem Buch lernen. Denn bei jedem dritten Duft überschneiden sich die Begriffe wie etwa beruhigend, stresslösend, ausgleichend usw. Wie soll man da die einzelnen Düfte auseinander halten und den Überblick bewahren?
Da halte ich mich lieber an das alte Sprichwort:“Probieren geht über Studieren!“ Oder noch besser „Erst Probieren und dann Studieren!“
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