Die Regenfrau – Ysop decumbens

8 Apr

Let it rain! Wasser, Wasser, Wasser überall um mich herum, in mir, über mir, unter mir. Ich bin inmitten einer Strömung, einem Strudel, einer Landschaft aus Wasser, einem großen Regen.  Seitdem ich gestern morgen den eher medizinischen Geruch dieses Duftes eingeatmet hatte, war ich von der Wirkung doch sehr überrascht.

Ich spüre die Kraft des Wassers als dynamisches flexibles Element. Wasser fließt um jedes Hindernis herum, es umfließt selbst die größten Felsen und ist doch in sich kraftvoll und zugleich konfrontativ – seinem eigenen Rhythmus folgend. Alle Formen von sich stark bewegenden Wassern sehe ich vor mir. Flüsse, Wasserfälle, heftiger Regenfall, eigentlich bin ich mittendrin. Wasser dringt in jeden Winkel und in jeden noch so dünnen Spalt. Wandlungsfähig vom Nebel bis zum ewigen Eis. Ich kann Wasser atmen und darauf  wandernd ein Meer durchqueren, alles möglich.

Es geht bei diesem Duft weniger um das Element Wasser, sondern diese inneren Bilder sollen mir das Thema des Duftes deutlich machen. Reinwaschen mit dieser fließenden Kraft heißt auch Lösen, Loslassen, Gehen lassen, Ausspucken, durch sich hindurch fließen lassen.  Wasser ist ein sehr rezeptives Medium, das auch subtile Informationen in sich aufnimmt.

Weitere Assoziationen folgen:

Es regnet auf die Menschheit. Ich sehe Menschengesichter in diesem Regen, die von Wasser ganz benetzt sind, die regelrecht rein gewaschen werden. Bei anderen wird förmlich die äußere Fassade abgewaschen, Schicht um Schicht, bis am Ende das wahre Gesicht dieser Menschen zum Vorschein kommt. Und wer einmal das wahre Gesicht eines Menschen erblickt hat, sollte es sich gut merken, denn im nächsten Moment wird vielleicht die nächste Maske zur Täuschung aufgesetzt. Nur die, die reinen Herzens sind, sehen nachher genauso aus wie vor dem großen Regen, den dieser Duft mit sich bringt.

Die große Regenfrau entlarvt die Falschen, die sich Verstellenden, die Darsteller, die Opportunisten, die feigen Kameradinnen, die übernetten Kollegen, die Lästermäuler, die Lügner, die die gute Miene zum bösen Spiel machen. Und versetzt dem Gutgläubigen eine Ohrfeige – wach auf und schau doch!

Reinigungskur, Wahrheitsserum, Enttarnungsmixtur.

In jedem Leben gibt es diese Gesichter, die die eigene Geschichte  kreuzen. Mit dem widerfahrenen Unrecht, den Masken der Niedertracht,  mit Lüge und Betrug kommt oft auch die Verachtung als Schutzwall der eigenen Werte hinzu. Aber Verachtung ist ein Gift, für das man schnell ein Antiserum finden muss.

Warum sollte es nicht dieses Wasser des Ysop sein. Ich stelle mich direkt unter meinen imaginären Wasserfall, das Wasser fließt an allem vorbei, es löst den Stau an Verachtung, kühlt, befreit. Mein Körper fließt im großen Rhythmus des Regens, unaufhörlich. Alles Unrecht geht den Bach hinunter, es ist wie eine Wiedergutmachung.

Die Reinigung der Regenfrau ist sehr befreiend, klärend, erleichternd, würdevoll.  Der Regen hört da auf, wo die eigene Dankbarkeit (wieder) anfängt.

 

„Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee.“ Psalm 51, 9

 

Duft: Hyssopus officinalis spp aristatus, Spanien

Verwendeter Pflanzenteil:  Kraut

Gewinnung: Destillation

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